Trailtagebuch: 7 Tage allein auf der Tour Du Mont Blanc mit dem Zelt

Im August 2024 reiste ich nach Chamonix, einer Stadt am Fuße des Mont Blanc, dem höchsten Berg der Alpen, und sozusagen der europäischen Hauptstadt für alle nur erdenklichen Bergsportarten. Schon auf der Busfahrt von Genf hatte ich ein langes Gespräch mit einem amerikanischen Anwalt, der ebenfalls eine lange Bergwanderung plante. Noch nicht ahnend, was für eine unvergessliche Woche vor mir lag, stieg ich im Stadtzentrum aus dem Bus. Obwohl ich schon erwartet hatte, dass es in Chamonix sehr viele Touristen geben würde, war es doch auffallend voll. Auch waren auffällig viele teure Fotoapparate in der Innenstadt unterwegs. Als ich auf dem Marktplatz ankam, wurde mir schnell klar warum, denn dort stand der riesige Zieleinlauf der UTMB Word Series, dem wohl größten Trailrunning Event der Welt. Kurz nach meiner Ankunft hörte ich schon lauten Jubel in der Ferne und kurze Zeit später kamen auch schon die ersten Läufer des MCC, einem Trailrun mit Marathondistanz, an. Sofort war ich von der ganzen Atmosphäre vor Ort total mitgerissen und muss seitdem noch oft an diesen Nachmittag in Chamonix denken. Nachdem ich in der Stadt das Nötigste eingekauft hatte und zurück im Hotel war, habe ich noch ein wenig recherchiert. Der MCC war tatsächlich eines der ersten Events der Woche und so sollte die UTMB auch bei meiner eigenen Tour du Mont Blanc Wanderung in den nächsten Tagen noch mal Thema werden.

Etappe 1: Les Houches - Refuge De La Balme 25,4 KM - 1545 hm

Meine Wanderung auf der Tour du Mont Blanc begann im Dorf Les Houches. Ich bin morgens etwas schlechter aus dem Bett gekommen als geplant, das Hotel Frühstück wollte ich trotzdem nicht skippen. Nach ein paar Metern zeigt der Trail schon relativ schnell um was es gehen wird die nächsten Tage: gnadenlose Anstiege und unglaubliche Landschaft.

Etappe 2: Refuge De La Balme - Refugio Elisabetta 25,5 KM -1856 hm

Tag 2 auf der Tour du Mont Blanc begann mit dem wahrscheinlich schönsten Aufstieg den ich auf einer Mehrtageswanderung jemals erlebt habe. Der Weg schlängelte sich durch das Val Montjoie and kleinen Bergseen und großen Schafsherden vorbei hoch zum Col du Bonhomme mit einer unglaublichen Aussicht. Dort hatte ich zum ersten mal das Gefühl richtig in den Bergen zu sein. Obwohl die Region am Mont Blanc wahrscheinlich eine der belebtesten Regionen der Alpen ist, blieb das Gefühl den Tag über bestehen. Keine Verkehrsgeräusche, kaum Menschen, die einzigen Ballungspunkte waren die Berghütten entlang des Weges. Der Höhepunkt war das Erreichen des Col de la Seigne, der Grenze zu Italien. Über das gesamte Tal war ein Regenbogen gespannt und das Mont Blanc Massiv war direkt daneben. Dieser Tag war eine 10/10.
PS: Außerdem hab ich noch Vojtech aus Tschechien getroffen, ganz liebe grüße an der Stelle.

Etappe 3: Refugio Elisabetta - Courmayeur 16,0 KM - 517 HM

Tag 3 der TMB bot sehr gemischte Gefühle für mich. Während der Tag mit einem perfekten Sonnenaufgang begann, und ich auch noch einen Tee bei Vojtech, mit dem ich gecampt hatte, abgreifen konnte, hat mir der erste Pass gezeigt dass ich die ersten beiden Tage alles auf dem Trail gelassen habe. Oben gab es wahrscheinlich das schönste Panorama vom Mont Blanc Massiv der gesamten Tour. Danach folgte allerdings sofort der unschönste Abschnitt der TMB. Durch die Mittagssonne ging es durch ein Skigebiet in die Stadt Courmayeur. Während ich die breiten Schotterwege runter gestolpert bin, habe ich mich die ganze Zeit gefragt "wie soll ich nur den nächsten Anstieg schaffen?" In der Stadt bin ich pünktlich zur Schließung aller Küchen angekommen, also hab ich mir ein realtiv bodenloses Menü aus dem einzigen geöffneten Supermarkt geholt. Während ich mir das Olivenbrot reingestopft habe, habe ich mir überlegt den Tag zu beenden und die Nacht im Courmayeur zu verbringen. Akkus aufladen, Duschen, schlafen.

Etappe 4: Courmayeur - Col Ferret 22,4 KM - 1928 HM

Tag 4 auf der Tour du Mont Blanc begann mit einem Klassiker: Verschlafen. Eigentlich wollte ich schon mit Sonnenaufgang auf dem Trail sein, da ich die Nacht aber auf einem Campingplatz etwas abseits vom Trail verbracht hatte, wollte ich den ersten Bus zurück nach Courmayeur nehmen, aber der zweite war auch ok. In Courmayeur ist mir dann auch aufgefallen, dass dort der Start eines weiteren UTMB Events sein wird. Ich habe mich erstmal schnell auf den Anstieg raus aus der Stadt begeben, oben angekommen war auch noch alles ruhig. Dann kamen die ersten Läufer vorbei. Ich dachte, "ach ich wollte eh eine alternative Route nehmen" und bin auf einen schmalen Singletrail abgebogen. Kurz darauf wurde dann aber klar: das ist die Strecke. Im Laufe des Tages wurde ich dann von über 2000 Läufern überholt. Ich hab mein bestes gegeben, nicht im Weg zu stehen, aber das hat leider nicht immer geklappt. Zum Abend ging es hoch zum Grand Col Ferret, und plötzlich war es still. Keine Läufer, kein Wind, Stille. Dort habe ich dann man Zelt aufgebaut, wahrscheinlich der schönste Ort an dem ich jemals übernachtet habe.

Etappe 5: Col Ferret - Col de la Forclaz 37,5 KM - 1236 Hm

Der 5. Tag war ein absoluter Schlüsselmoment der Tour du Mont-Blanc. Auf dem Grand Col Ferret wurde ich vom Kamerahubschrauber geweckt, der direkt über meinem Zelt kreiste. Vielleicht hatte ich etwas unterschätzt, wie schnell die Teilnehmer des 170km Trail Running Rennens unterwegs waren, schließlich waren sie erst am Vorabend in Chamonix gestartet. Vielleicht habe ich auch etwas unterschätzt, wie viele Läufer daran teilnehmen würden, schließlich ist es wohl kaum möglich, 170km in unter 48h zu laufen. Nachdem ich den Pass hinunter in die Schweiz gestolpert bin, konnte ich mich erst einmal an einem Frühstückswagen am Straßenrand etwas sammeln. Dort habe ich dann auch den Plan gefasst heute noch ein paar Kilometer aufzuholen. Kurze Zeit später war ich dann wieder auf der Strecke der UTMB. Im Laufe des Tages überholten mich immer mehr Läufer. Einige waren auch doppelt so alt wie ich. Keiner blieb stehen, egal wie steil der Anstieg war, egal ob sie schon 24 Stunden auf den Beinen waren. Mit einigen konnte ich mich sogar während des Aufstiegs unterhalten. Irgendwann habe ich mir gedacht: Die halten auch nicht an, warum sollte ich anhalten? An diesem Tag war ich bis spät in die Dunkelheit unterwegs und habe fast 40km in den Alpen zurückgelegt. Als ich mein Zelt am Col de la Forclaz aufbaute, haben die Leute am Straßenrand immernoch die bejubelt, die mittlerweile die zweite Nacht in Folge durchgelaufen. Und ich habe davon geträumt was im Leben möglich ist.

Etappe 6: Col de La Forclaz - Trélechamps 17,2 KM - 874 HM

Nach dem ich am Vortag erst sehr spät im Bett war, habe ich an Tag 6 ausnahmsweise bewusst lange geschlafen. Gut ausgeruht habe ich meist die besten Ideen, wie beispielsweise nicht Le Peuty abzusteigen, sondern eine Alternate zu nehmen in der Hoffnung etwas Zeit zu sparen. Die Route über das Refuge Les Grands war wunderschön, der Anstieg war jedoch auch sehr steil. Oben angekommen warteten dann noch einige Geröllfelder auf mich wodurch jede Zeitersparnis dahin war. Im Laufe des Nachmittags hat es dann noch etwas geregnet und es wurde allgemein sehr ungemütlich. Passend kam also die Herberge La Boerne, wo mein Zelt aufbaute und ein warmes Abendessen bekam.

Etappe 7: Trélechamps - Les Houches 26 KM - 1680 HM

Und dann war er plötzlich da, Tag 7 und damit der letzte Tag auf der Tour du Mont Blanc. Nach einem gemütlichen Frühstück mit den wenigen Anderen die auch schon um 6:30 los wollten, begann mein Aufstieg zum Lac Blanc. Dieser Aufstieg war anders als die Vorherigen. Es ging über steile Leitern und "Treppen" die auf exponierten Fels genagelt wurden, was dann teilweise schon ein bisschen mehr Schwindelfreiheit erforderte als mir das lieb war. Trotzdem bin ich irgendwie am Refuge Lac Blanc angekommen und war relativ siegessicher. Zum Mittag habe ich mir das absolute Powermenu aus, Kaffee, Bier, Cola und Hotdog gegönnt und habe mich geistig auf den Abstieg vorbereitet. Ich hatte irgendwie verdrängt, dass noch ein weiterer Col auf mich wartete. Nachdem die Realisation eintrat, dass es eben doch nicht so ein gemütlicher letzter Tag werden würde, dachte ich mir bei jeder möglichen Abbiegung wie schön es doch wäre einen Shortcut zu nehmen und zeitig im Bett zu sein. Aber irgendwie habe ich es aufgeschoben und habe bis zum letzten Col durchgezogen. Am nun wirklich letzten Anstieg wurde ich ungefragt von einer entgegenkommenden Person darauf hingewiesen dass die letzte Bergbahn bald fahren würde, ich es aber noch schaffen würde wenn ich mich beeile. Dieser Hinweis hat all meine Vorsätze aus dem Fenster geworfen und ich war überzeugt die Bergbahn zu nehmen wäre das Richtige. An der Station angekommen wurde mir aber schnell klar: hier passiert heute gar nichts mehr. Um so größer war der Frust auf den ungefragten Hinweis, aber noch größer darauf, dass ich mich auf einen billigen Shortcut einlassen wollte. Nun ging es auf den Abstieg, 1600hm runter nach Les Houches, mit Gewitterwarnung im Nacken. Ich war komplett allein, was in dieser Situation eher beklemmend war. Ich habe fast jeden Meter gehasst, unten angekommen hätte ich es aber genauso wieder gemacht. So war der letzte Tag auf der Tour du Mont Blanc genauso eine Achterbahn wie die gesamte Wanderung. Ein permanentes Zusammenspiel aus Überwindung und Belohnung.

Danke Chamonix, bis irgendwann!

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Tour du Mont Blanc mit Zelt in 7 Tagen - Ein Guide